Im Wetterzentrale-Vertiefungsforum habe ich eine Analyse zu einem Tornadoverdachtsfall im Sauerland veröffentlicht. Die Diskussion sowie das Originalposting dazu ist hier einzusehen: http://www.wetter-zentrale.com/cgi-bin/webbbs/wzconfig2.pl?read=1854
Dort gibt es einige interesante Kommentare von Thomas Sävert, Berold Feuerstein, Martin Hubig und anderen.

Bericht Sturmschäden vom 20.5.06 - Finnentrop-Rönkhausen

Inhaltsverzeichnis


Einleitung


Leider blieb mir neben der Uni nicht genügend Zeit, um meinen zweiten ausführlichen Bericht früher online zu stellen. Betrachtet habe ich die Schäden von einem Windereignis am 20.5.06 im Örtchen Finnentrop-Rönkhausen (Kreis Olpe, NRW). Das Dorf liegt in einer Hügellandschaft, dem Sauerland, südöstlich des Ruhrgebietes auf etwas über 200m, die höchsten Erhebungen der Umgebung sind über 600m hoch.

Ich selbst wohne am Rand des Ruhrgebietes in Herdecke, zwischen Hagen und Witten. Auf die angeblichen Schäden wurde ich durch das WZ-Forum aufmerksam. Als Thomas Sävert fragte, wer welchen der zahlreichen Verdachtsfälle übernehmen wolle, meldete ich mich für Rönkhausen nachdem es vorher niemand anders getan hatte.

Ich bin völlig fachfremd (Medizinstudent), lese seit 2 Jahren relativ regelmäßig in der WZ mit, poste selten auch mal etwas und fand Wetter schon immer spannend. Zugegebenermaßen rutschte mir bei der ersten Betrachtung des Falls die ein oder andere Bewertung raus (die ich jetzt auch schon wieder ganz anders sehe)- man möge mir das nachsehen, denn ich betrachte mich hier nur als Berichterstatter, die Analyse möchte ich überwiegend Leuten überlassen, die sich damit auskennen. :-)

Ich bin in der ersten Woche nach dem Schadensereignis zwei Mal in Rönkhausen gewesen, einmal alleine, das zweite Mal hatte ich mich mit Patrick Vollmert aus der WZ dort verabredet. Ich bin mit einem GPS-Gerät die Ränder aller Schneisen abgelaufen und habe die Koordinaten dutzender Punkte gesammelt. Dies erlaubt mir zusammen mit den TK25-Karten des Landesvermessungsamtes eine ziemlich exakte Darstellung des Schneisenverlaufs. Die von mir verwendete Software ermöglicht sogar das rendern von sehr anschaulichen 3D-Landschaften. Das erstellte Kartenmaterial, viele Fotos sowie die Aussagen zweier Augenzeugen werde ich im folgenden vorstellen.

Rönkhausen und Umgebung - Übersicht über die Schadensgebiete


Ich beginne mit einer groben Straßenkarte des Ortes:

Vor Ort konnte ich drei Schadensschneisen ausmachen, die Gebiete sind hier nur ganz grob eingezeichnet und zur späteren Zuordnung durchnummeriert.
Es folgt ein Auszug aus der TK25-Karte. Hier sind bereits meine gesammelten GPS-Koordinaten eingezeichnet.

Ich gehe auf die Schadensgebiete im Folgenden datailliert ein, allen gemeinsam ist eine scharfe Begrenzung zu den Rändern hin und eine überwiegende, wenn auch nicht immer einheitliche Fallrichtung der Bäume von Südsüdost nach Nordnordwest, entgegen der eigentlichen Zugrichtung der Front. In 3d sieht das ganze so aus:

Hier sind bereits die Standorte der beiden Augenzeugen zum Zeitpunkt des Ereignisses eingezeichnet. Augenzeugin 2 wohnt am Ende der Straße "Zum Tilo", das ist auf der 2d-Karte die Sackgasse, welche unmittelbar bis an Schneise Nr. 2 heranführt. Hier war bei der Begehung auch mein Einstiegspunkt.
Es folgt die Betrachtung der einzelnen Schneisenabschnitte, zur Orientierung habe ich das jeweilige Gebiet blau markiert:




Schneise 2 (nördlicher Bereich)













Einige Meter ausßerhalb der Schneise fand ich diese Krone, zu wem die wohl gehören mag?




Schneise 2 (südlicher Bereich)



Ich schreibe Koordinaten vom GPS-Gerät ab.






Hier ist gut zu sehen, wie nah diese Schneise am Wohngebiet vorbei geht. In dem links im Bildrand zu erkennenden Haus wohnt Augenzeugin 2. Auf dem Dachgiebel von genau diesem Haus ist eine Wetterstation inklusive Windmesser montiert, sie gehört dem Nachbar der anderen Doppelhaushälfte. Dieser war leider zum Zeitpunkt des Unwetters im Urlaub, die Station zeichnet zwar kontinuierlich auf, allerdings immer nur für einen Zeitraum von 2 Wochen. Wird sie dann nicht ausgelesen bzw. resettet, stoppt die Aufzeichnung. Genau das war hier der Fall, leider gibt es also keine Werte von diesem Ereignis :-(



Auch auf diesem Foto sieht man im Hintergrund das Haus der Augenzeugin 2 und ein paar andere aus der Straße "Zum Tilo".





Dieser Stamm ist gleich an zwei Stellen gebrochen.

Blick vom südlichen Ende der Schneise Richtung südwesten über das Lennetal.

Bei der ersten Begehung hatte ich diesen Dachstuhlschaden noch mit dem Windereignis in Zusammenhang gebracht. Patrick Vollmert wußte allerdings zu berichten, daß dieser bereits vorher abgebrannt war.

Blick vom Südlichen Ende der Schneise 2 Richtung Südsüdost über das Tal hinweg zum nördlichen Ausgang von Schneise 1:

Nochmal in gezoomt das nördliche Ende von Schneise 1.



Schneise 1, nördliches Ende



Blick vom nördlichen Ende von Schneise 1 Richtung Nordnordwest zum südlichen Ende von Schneise 2.

Das ganze nochmal gezoomt.

Patrick Vollmert vor einem großen dicken Nadelbaum, der in großer Höhe brach, der Stamm ist einseitig zur Schneise hin entastet.

Hier hat es einige Eichen umgelegt:

Hier auch:



Dieses Foto bedarf einer Beschreibung. Bei einem Nadelbaum brachen der Stamm viele Meter unterhalb der Spitze, in der Mitte des Bildes steckt dieses abgebrochene Stück senkrecht im Boden, keine 3 Meter vom zugehörigen Stamm (ganz rechter Bildrand) entfernt.



Schneise 1 (südlicher Bereich)




Vom südlichen Anfang der Schneise habe ich scheinbar nie Fotos gemacht, hierbei handelt es sich wie bei Schneise 2 auch um einen scharf begrenzten Schaden im Nadelwald bei dem alle Bäume umgerissen wurden.

Schneise 3 (südlicher Bereich)




Obwohl diese Schneise mehr Richtung Nordosten verläuft, lagen die Bäume überwiegend in Nordwestlicher Richtung wie in den anderen beiden Schneisen auch.


















Schneise 3 (nördlicher Bereich)










Augenzeugenberichte


Dazu noch einmal die bereits gezeigte Karte:

Augenzeugin 2 wohnt wie ebenfalls zu Beginn schon erwähnt am Ende der Sackgasse "Zum Tilo" direkt neben Schneise 2. Sie und ihr kleiner Sohn waren zum Zeitpunkt des Unwetters zu Hause. Es sei windstill und finster und trocken gewesen, dann habe es plötzlich angefangen zu stürmen. Als die ersten Äste vorbeiflogen habe sie nur noch ihren kleinen Sohn aus dem Wintergarten geholt und von den Fenstern weg gebracht. So konnte sie das Ereignis nicht weiter direkt beobachten.
Augenzeuge 1 ist Nachbar von Augenzeugin 2, war aber zum Zeitpunkt des Unwetters mit Renovierungsarbeiten in einem Haus in der Straße "Auf dem Stein" beschäftigt. Er konnte ausführlichere Angaben machen, ich stellte keine Suggestivfragen sondern bat ihn zuerst, frei zu erzählen woran er sich erinnern könne. Es sei beim Aufzug der Front sehr finster geworden, übereinstimmend zur 2. Augenzeugin sagt er, es habe nicht geregnet. Dann habe plötzlich starker Regen eingesetzt, kurze Zeit nach Regenbeginn habe es angefangen zu stürmen. Er sei dann an ein Fenster des Hauses gegangen, von wo aus er zu seinem Haus hinübersehen konnte. Nach wenigen Minuten des Sturmes habe der Wind dann innerhalb von nur 15 oder 20 Sekunden eine Schneise in den gegenüberliegenden Wald (Schneise 2!) geschlagen. Zum Teil seien die Bäume regelrecht abgezwirbelt worden. Meine Frage nach einem Wolkenschlauch konnte er nicht bejaen!

Nachsatz


Ich kann emotionale Ausrutscher in einer Diskussion ob Downburst oder Tornado durchaus verstehen - sieht man solche Schäden einmal mit eigenen Augen, ist es überwältigend. Als Berichterstatter ist man sowieso mit dem üblichen Problem konfrontiert, daß die Eindrücke vor Ort später durch Fotos höchstens ansatzweise wiedergegeben werden können. Ich bin ganz ehrlich: Auf dem ersten Weg nach Rönkhausen habe ich mir insgeheim, so wie viele andere sicherlich auch wenn sie das erste Mal zu einer Schadensstelle fahren, natürlich gewünscht, einen Tornadoschaden zu finden - verbindet man damit doch etwas viel spektakuläreres. Beim zweiten Besuch war ich innerlich abgekühlt und war nur noch erfürchtig vor den Naturgewalten. Egal ob rotierende Säule oder Fallwinde, Kräfte die auf riesiger Fläche große Eichen und Nadelbäume umlegen und abbrechen, sind so oder so gleichgewaltig! Mir hat die Berichterstattung viel Spaß gemacht, sie verschlang etliche Stunden die ich nur über Wochen verteilt aufbringen konnte - daher erst die späte Veröffentlichung.

Viel Spaß beim Diskutieren!


Bastian